„Physik lässt sich nicht überlisten“

Montag, 05 Oktober 2015 01:14 / 1497 Aufrufe

„Physik lässt sich nicht überlisten“ Foto: Runter vom Gas

Der Kleinwagen prallt mit voller Wucht gegen die Barriere: Glas splittert, der Fahrer schlägt ungebremst mit dem Kopf gegen das Lenkrad, das Kind hinter ihm wird aus dem Rücksitz und durch das Seitenfenster aus dem Auto katapultiert. Was wie eine Familientragödie klingt, ist glücklicherweise nur ein Test. Ein Crashtest in der Versuchshalle der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in Bergisch Gladbach.

„Was wir da eben gesehen haben, passiert, wenn ein Auto mit 56 km/h auf ein starres Hindernis, wie zum Beispiel einen Brückenpfeiler, trifft – und die Insassen nicht angeschnallt sind“, erklärt Tobias Langner. Der 36-jährige Diplom-Wirtschaftsingenieur ist seit 2002 bei der BASt für die Durchführung und Auswertung der Fahrzeug-Crashtests zuständig. Jetzt steht er auf einer Balustrade in der mehr als 80 Meter langen Versuchshalle. „Von hier aus habe ich alles im Blick und kann den Versuch sofort abbrechen, falls irgendetwas schief läuft.“ Gemeinsam mit seinen Kollegen stellt Langner die verschiedensten Unfälle nach. „Neben dem frontalen Aufprall eines Pkws, den wir eben gesehen haben, simulieren wir zum Beispiel auch den Zusammenprall zweier Pkw, das seitliche Schleudern eines Autos gegen einen Baum oder Kollisionen mit Fußgängern.“

Das wichtigste Messinstrument: der Dummy

Bei einem Crashtest wird ein Fahrzeug mit einem Hydraulikmotor auf ein Hindernis – den sogenannten Crash Block – gezogen. Der eigentliche Zusammenstoß dauert nur Sekundenbruchteile und ist mit bloßem Auge kaum nachvollziehbar. Um die Auswirkungen des Aufpralls auf Auto und Insassen so genau wie möglich zu erfassen, kommen deshalb Hochgeschwindigkeitskameras zum Einsatz, die 1000 Aufnahmen pro Sekunde machen. Das wichtigste Messinstrument der Ingenieure und Techniker sind aber die Crashtest-Dummies. Die lebensgroßen Puppen sind mit zahlreichen Sensoren ausgestattet, die die Belastungen während des Unfalls messen. „Je besser der Dummy“, so Langner, „desto besser können wir die Verletzungswahrscheinlichkeit vorhersagen.“

Die Versuchsergebnisse aus Bergisch Gladbach fließen in nationale und internationale Regelwerke ein, die Unfälle vermeiden und Unfallfolgen mindern sollen. Die BASt-Experten überlassen deshalb nichts dem Zufall: „Vor einem Crashtest legen wir genau fest, wie schnell das Fahrzeug wo genau auftreffen soll. Außerdem platzieren wir die Dummies nach einem präzisen Einmessverfahren im Auto. So kann der Test auch in anderen Laboren wiederholt werden und die Ergebnisse sind vergleichbar.“

Rot heißt hohe Verletzungsgefahr, Grün heißt geringes Risiko

Neben der Vorbereitung ist auch die Nachbereitung eines Crashtests sehr zeitaufwändig: „Wir schauen uns nicht nur die Dummy-Messwerte ganz genau an, sondern erstellen auch noch ein Piktogramm des Dummys, das die Messwerte auch für den Laien leicht verständlich macht. Darin werden die Verletzungsrisiken der einzelnen Körperteile farbig dargestellt. Rot heißt hohe Verletzungsgefahr, Grün heißt geringes Risiko.“

Dabei ist die Verletzungsgefahr jedoch nicht für jeden Mensch gleich hoch: „Ein junger Rugby-Spieler trägt bei einer bestimmten Unfallschwere vielleicht ein paar blaue Flecken davon, während eine 90-jährige Dame schwerste Knochenbrüche erleidet.“ Wenn es aber eines gibt, das Langner in seiner täglichen Arbeit immer wieder bestätigt bekommt, ist es: „Egal welche Konstitution und welche Art des Unfalls – ein richtig genutztes Rückhaltesystem aus Airbag und Gurt kann die Folgen eines Crashs deutlich reduzieren.“ Und das demonstriert der BASt-Experte anschließend eindrücklich: Der „Versuchsaufbau“ ist dabei der gleiche wie zuvor – aber dieses Mal sind die Dummies angeschnallt.

Nur im Zusammenspiel sicher: Gurt und Airbag

Wieder kracht das Auto in die Barriere, wieder splittert Glas und verbiegt sich Blech. Doch es gibt auch einen großen Unterschied: Statt ungebremst mit dem Kopf gegen das Lenkrad zu prallen, wird die Bewegung des Fahrers vom Gurt verzögert. Der Airbag öffnet sich und mildert die Wucht des Aufpralls für den Kopf und die Brust des Dummies. Und auch das Kind wird nicht aus dem Wagen geschleudert, sondern vom Gurt in seinem Kindersitz auf der Rückbank gehalten. „Hier sieht man gut, dass Gurt und Airbag aufeinander abgestimmt sind“, sagt Langner. Sich nur auf den Airbag zu verlassen, wäre dagegen ein fataler Fehler: „Unangeschnallt würde der Dummy ungebremst auf den Airbag treffen und voraussichtlich durch das Luftkissen auf das Lenkrad schlagen. Unter Umständen würde er sogar schon während seiner Entfaltung mit dem Airbag in Kontakt kommen – das kann zu schweren Verletzungen führen.“

Wenn Tobias Langner nach einem Tag im Crashtest-Labor in sein Auto steigt, lässt er die Bilder der zerstörten Fahrzeuge hinter sich. „Ich fahre trotzdem gerne“, sagt er. „Natürlich achte ich darauf, mich vorausschauend zu verhalten, mich immer anzuschnallen – und so das hohe Sicherheitsniveau der heutigen Fahrzeuge auch zu nutzen.“ Mit seiner Arbeit will er einen Beitrag leisten, dieses Niveau noch weiter zu erhöhen. „Die Zukunft wird dahin gehen, dass die Fahrzeuge kritische Situationen erkennen können und schon vor dem Aufprall Energie durch automatisches Bremsen herausnehmen.“ Dadurch ließe sich ein Unfall zwar nicht immer vermeiden, aber zumindest die Unfallschwere verringern. „Denn“, so stellt Tobias Langner abschließend fest: „Physik lässt sich nicht überlisten – aber man kann sie sich zu Nutze machen.“

Details

Quelle (Text): Runter vom Gas