18.11.18 - Schleswig-Holstein: Ein Löschzug kippt um - und alle bleiben ruhig

Dienstag, 20 November 2018 17:57 / 717 Aufrufe

18.11.18 - Schleswig-Holstein: Ein Löschzug kippt um - und alle bleiben ruhig NDR

Während das mächtige Löschfahrzeug auf die Seite kippt, scheint die Zeit kurz stillzustehen. Die Trägheit der Masse lässt den rot-weißen Lkw ganz langsam auf die Seite fallen, wie in einer Zeitlupe. Das Martinshorn dröhnt, und Feuerwehrmann Jan-Hendrik Arens kann am Steuer sitzend nur noch zugucken. Dennoch bleibt der junge Mann ruhig. "Das war ein Unfall", tönt eine weibliche Stimme aus zwei Lautsprechern. "Ja, ja, das wissen wir auch, dass das ein Unfall war", sagt Jens Pfeiffer unwirsch. Sein Grinsen verrät, dass er das nicht ganz ernst meint: Die Stimme, die er soeben angepöbelt hat, gehört nach Angaben des ADAC zum bundesweit ersten mobilen Blaulicht-Simulator, der an diesem Tag in der Fahrzeughalle der Freiwilligen Feuerwehr in Altenholz (Kreis Rendsburg-Eckernförde) steht.

Mit 70 Kilometern pro Stunde in die Kurve

Pfeiffer bildet beim ADAC Fahrtrainer aus - heute ist er hier, um die Feuerwehrleute für die Einsatzfahrten mit Blaulicht zu schulen. "Haste gemerkt, ne?", sagt der zum 29 Jahre alten Arens. Er zeigt ihm die Wiederholung seiner Fahrt auf den drei Bildschirmen vor ihm. Die sollen den Probanden digital eine Rundumsicht bieten, wie im richtigen Wagen. "Beim Abbiegen warst du zu schwungvoll unterwegs." Arens nickt. Der Tacho auf einem der Monitore zeigt mehr als 70 Kilometer pro Stunde. "Das hat sich gar nicht so angefühlt", merkt der junge Feuerwehrmann erstaunt an. Er sitzt zwar auf einem richtigen Autositz mit nachgebautem Fahrerraum, doch bis auf ein leichtes Brummen spürt er keine Bewegung - ganz anders als in der Realität. Ein Aspekt, den Pfeiffer berücksichtigt. "Ja, das fühlt man hier nicht", sagt er bestätigend. Aber er mahnt: "Eine solche Geschwindigkeit bei diesen Fahrzeugen führt dazu, dass es sich über die Vorderachse aushebelt."

"Das Bewusstsein schärfen"

Einsatzfahrten im gewöhnlichen Straßenverkehr zu üben wäre zu gefährlich, das weiß Pfeiffer. Dennoch müssen die Feuerwehrleute lernen, hinterm Steuer mit unvorhersehbaren Situationen umzugehen - und mit viel Stress. Den kann der Trainer beliebig am Laptop dazuschalten, zum Beispiel Kinder, die spontan auf die Straße springen. Sogar Schnee und Regen kann Pfeiffer im Test einspielen. Feuerwehrmann Arens weiß die Möglichkeit, die er hier bekommt, zu schätzen. "Der Hintergrund der Übung ist, glaube ich, das Bewusstsein zu schärfen, auch wenn es sich nicht 100 Prozent realistisch anfühlt", sagt er. "Jeder hat Defizite, und so was kann einem die Augen öffnen." Seiner Meinung nach können alle von dem Training profitieren - junge Kameraden etwa, die noch nicht viel Erfahrung haben und sich übernehmen könnten. "Aber auch den älteren Kollegen, die schon ‘eingeschliffen’ sind - und deswegen vielleicht Fehler machen."

Auf Bestellung für 59 Euro pro Proband

Zwar gibt es richtiges Blaulichttraining im richtigen Fahrzeug auf richtigem Testgelände - wie in Boksee (Kreis Plön) oder Heide (Kreis Dithmarschen). Einerseits gibt es da aber keine realistischen Situationen mit Fußgängern und anderen Autos, andererseits: "Kleine Wehren haben manchmal aber nur ein Fahrzeug, und das muss einsatzbereit bleiben", sagt Ulf Evert vom ADAC, "das können sie nicht einfach zum Üben benutzen." Der mobile Simulator komme auf Bestellung frei Haus und koste 59 Euro pro Proband. Etwa ein Jahr lang hätten ihn Ingenieure in enger Zusammenarbeit mit Feuerwehrleuten entwickelt, erzählt Evert. Dass die Maschine nicht mehr fühlbare Rückmeldung bietet, sei mit der Mobilität nicht zu vereinbaren. "Hätten wir einen hydraulischen Bewegungsapparat, könnten wir ihn nicht bewegen, so groß und schwer wäre er", sagt Evert.

Die Kursteilnehmer sind aber zufrieden: Es habe sich gelohnt, herausfordernde Situationen durchzuspielen - wie wenn Autofahrer eine Kreuzung eher verstopfen, als dass sie sie freimachen. Arens weiß, dass Alarmfahrten nicht nur für ihn und die Kameraden Aufregung heißt: "Man muss sich immer vor Augen führen: Wir sind nicht die Einzigen, die beim Einsatz unter Stress stehen - es sind auch die anderen Verkehrsteilnehmer."

Details

Datum: Sonntag, 18 November 2018
Quelle (Text): NDR (Maja Bahtijarević)
Quelle (Bild): NDR
Quelle (Text): Maja Bahtijarević